Die Krise ist ständiger Begleiter

Es sind oft viele Gründe, die dazu führen, dass es in einer Volkswirtschaft zu einer Krise kommt. Deshalb gibt es auch keine allumfassende Lösung, die “die” Krise löst. Es muss an vielen Stellschrauben gedreht werden um Argentinien wieder in die Bahn zu bringen. Korruption, mangelndes Vertrauen in Politik bzw. Politiker und die Währung sind aber die Hauptprobleme.

Nach meiner Reise nach Argentinien habe ich auch nach 6 Wochen das Land nicht verstanden. Auf den ersten Blick hat Argentinien alles was man braucht, um seinen Einwohnern und seinen Besuchern ein gutes Leben zu garantieren. Große Landflächen mit fruchtbaren Böden, große Städte mit vielen Arbeitgebern, viele Studenten, die eine kostenlose Bildung genießen dürfen und ein kostenloses Gesundheitssystem.

In den Bars und Restaurants sind immer Argentinier und Touristen zu finden. Nur wenn man die Preissteigerungen im Zusammenhang der extrem hohen Inflation beobachtet, merkt man, dass etwas nicht funktioniert. Wenn man mit den Einheimischen spricht fällt während des Gesprächs zwangsläufig das Wort Krise. Das Land befindet sich für sie gefühlt in einer Dauerkrise seit 2001.

Also Ende 2001 als der feste US-Dollar Wechselkurs nicht mehr gehalten werden konnte, die Konten der Argentinier eingefroren worden sind, weil es zu einem Bankrun kam und im Zuge dessen es zu schweren Demonstrationen kam. Die Arbeitslosigkeit sowie die Armutsquote ist in die Höhe geschossen und seitdem befindet sich Argentinien immer wieder in Krisen.

"In jeder Konversation fällt zwangsläufig das Wort Krise."

Die Inflation - Hauptproblem der meisten Argentinier

Die Inflation ist ein Symptom vorangegangener Probleme. Zum Teil sind starke Veränderungen des Peso gegenüber dem US-Dollar gar nicht so genau zu erklären. Allein durch die Verkündung der Vorwahlergebnisse für die Wahl im Oktober 2019 verlor der argentinische Peso gegenüber dem US-Dollar ca. 20% an Wert. Denn dort landete Macri, der als liberal gegenüber der Wirtschaft gilt, über 15 Prozentpunkte hinter dem aktuellen Präsidenten Fernandez. Er steht für einen stärkeren Eingriff der Politik in die Wirtschaft. Investoren und Analysten haben auf diesen Stimmungstest sehr extrem reagiert und der Peso hat sich von diesem Sturz bis heute nicht erholt.

Die Angst in der Bevölkerung, dass nach der Wahlnacht im Oktober 2019 der Peso weiter an Wert gegenüber dem US-Dollar verliert, führte dazu, dass viele Argentinier ihr Geld von den Konten abgehoben haben um es anschließend in US-Dollar zu tauschen und zu Hause aufzubewahren. Die Tage vor den Wahlen waren die extremsten. Mal abgesehen davon, dass die Schlangen vor Bankautomaten in Argentinien fast immer sehr lang sind, war dies an den Tagen vor der Wahl wirklich am extremsten während meiner Reise.

In den Nachrichten gab es auch kaum ein anderes Thema als die Wechselkurse und die Angst vor dem großen Sturz des Peso nach den Wahlen. Aber wirklich Angst vor gewaltsamen Demonstrationen in der Wahlnacht und danach hatte in meinem Umfeld zu dem Zeitpunkt niemand, obwohl zu dem Zeitpunkt in Chile und Bolivien, ausgelöst durch verschiedene Gründe, gerade gewaltsame Ausschreitungen stattfinden. Den meisten Argentiniern war klar, dass Macri abgewählt wird und Fernandez die Wahl gewinnen wird. Die Reaktionen in der Bevölkerung wären bei einem überraschendem Wahlausgang vielleicht anders gewesen.

Nach den Wahlen war keiner, den ich dort kennengelernt habe, wirklich hoffnungsvoll, dass sich die Situation in der Zukunft verbessert wird. Fast schon gleichgültig wurden die ersten Reden des Siegerduos zur Kenntnis genommen. Viele Argentinier waren schon vor den Wahlen unglücklich mit den für sie zu Verfügung stehenden Möglichkeiten auf dem Wahlzettel. In Argentinien herrscht Wahlpflicht, weshalb jeder sich zumindest etwas damit beschäftigt was es für Möglichkeiten gibt. Die Sätze “ist ja egal was ich wähle, wird sich eh nichts ändern” oder “die Kandidaten, die etwas für die Mitte der Gesellschaft machen und ehrlich sind, gibt es gar nicht” hört man erschreckend oft vor und nach den Wahlen, wenn man dort Lebende fragt.

Inflation in Argentinien

Die Bevölkerung leidet seit einiger Zeit unter einer extremen Inflation. Die Prognosen deuten darauf hin, dass die Inflationsrate in den nächsten Jahren abnehmen wird.

Für viele ist die Zukunft nicht in Argentinien.

Doch was sind die Gründe dafür, dass Argentinien sich in einer Krise befindet? Das Land war Anfang des 20. Jahrhunderts eines der reichsten Länder der Welt und spielte in einer Liga mit europäischen Ländern wie Frankreich und Deutschland. Also müsste doch alles vorhanden sein, um auch wieder zumindest seine eigenen Einwohner zu versorgen und ein gutes Leben zu sichern.

Während meiner Reise habe ich Menschen dort gefragt was sie glauben was die Probleme sind. Die Korruption der herrschenden Politiker und die Inflation wurde da am öftesten genannt. Aber auch, dass viele Argentinier das Gefühl haben, die Situation wird sich auch in Zukunft nicht ändern und deshalb nach Lösungen suchen nach dem Studium einen Job im Ausland zu suchen oder bei der aktuellen Arbeitsstelle Geld anzusparen um dann mit Ersparnissen einen Neustart im Ausland zu versuchen.

Es scheint, dass viele nicht mehr glauben, dass eine gute Zukunft in Argentinien möglich ist. Dort sind auch viele Kinder von Einwanderern aus Europa. Diese versuchen in die Heimat ihrer Eltern oder Großeltern zurückzukehren und ein Leben in Italien, Spanien oder Frankreich aufzubauen, wenn Sie die Möglichkeit auf eine Staatsbürgerschaft oder Arbeitsvisum in diesen Ländern haben. Somit kümmern sich viele einfach nicht wirklich um die Zukunft Argentiniens, sondern suchen nach Lösungen im Ausland. So lässt sich dem Land garantiert nicht helfen.

Korruption

Was für Außenstehende auch etwas verwunderlich ist, dass sich über die Korruption bei Spitzenpolitikern beschwert wird und dann aber eine Vizepräsidentin gewählt wird, die mit mehreren Korruptionsanklagen konfrontiert wird. Des Weiteren wird ihr vorgeworfen die Verantwortlichen des AMIA-Attentat zu decken (Dazu gibt es gerade eine sehr gute Dokumentation in der ZDF-Mediathek “Nisman – Tod eines Staatsanwalts”).

Dass Macri kein Vertrauen geschenkt wird und somit abgewählt wurde, ist nach der wirtschaftlichen Performance des Landes in den letzten Jahren nachvollziehbar. Doch weiterhin glaube ich, dass mit dem neuen Präsidentenduo auch keine verbesserte Situation zu erwarten ist. Im Dezember 2019 ist der Präsident vereidigt worden und kann somit seine Arbeit im Amt aufnehmen. Wir werden sehen was dem jetzt folgt. Ich verfolge dies mit Interesse und bin auch noch im Kontakt mit Leuten, die ich dort kennengelernt habe und bin mal gespannt wie und wo sich deren Zukunft abspielen wird.